Projekt Wildkatzensprung

Foto: Wildtierkamera ©Sybille Wölfl

Vorkommen der Wildkatze im Landkreis bestätigt

Der BUND Naturschutz in Bayern, vertreten durch die Kreisgruppe Cham, ist seit 2012 in dem Projekt „Wildkatzensprung“ mit eingebunden. Ehrenamtliche des BUND Naturschutzes, die Gebietsbetreuerin Naturpark Oberer Bayerischer Wald, Revierleiter der Bayerischen Staatsforsten und weitere Freiwillige, wie die Bergwacht Furth im Wald und der Landesbund für Vogelschutz beteiligen sich an diesem Wildtier-Monitoring, der sogenannten Lockstockkontrolle. Auch heuer 2017 betreuen wir die Lockstöcke und sammeln die hängengebliebenen Haare ein.

Um an die Nachweise zu gelangen, setzt der BUND Naturschutz eine elegante und effiziente Methode ein. Baldrian lockt die scheuen Katzen an. Raue Holzstäbe als "Lockstöcke" werden an geeigneten Stellen in den Waldboden gesteckt und mit Baldrian-Lösung besprüht. Reiben sich Wildkatzen daran, so bleiben einige Haare, eingeklemmt im Holz, zurück. Die Lockstöcke werden einmal wöchentlich von den Lockstockbetreuern in der Ranzzeit, dies sind die Monate, Februar, März und April nach Wildkatzenhaaren abgesucht. Die abgesammelten Haare werden genetisch untersucht. Nur so können Wildkatzen von oft ähnlich gefärbten Hauskatzen sicher unterschieden werden. Diese Daten gehen dann zur weiteren wissenschaftlichen Auswertung und Detailanalyse an das Forschungsinstitut Senckenberg in Gelnhausen (Hessen), das dort zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz und dem BUND eine bundesweite genetische Datenbank zur Wildkatze aufgebaut hat.

Die Ergebnisse der Analysen unserer letzten Saison hat nun das Vorkommen der Wildkatze im Landkreis Cham bestätigt.

Bereits zu Beginn des Projekts „Wildkatzensprung“ 2012 haben wir vermutet, dass auch bei uns Wildkatzen leben. Zum sicheren Nachweis braucht es jedoch die DNA-Analyse der Haare. Letztes Jahr ist es uns endlich gelungen genügend Haare vom Lockstock abzusammeln und zur Auswertung zu schicken. Ob es sich um die gleiche Wildkatze handelt, darüber können wir im Moment nur spekulieren. Erst wenn die Daten dieser Wildkatze in die Datenbank eingespeist sind, können wir beim nächsten Nachweis in der Saison 2017 sagen, ob es um die gleiche Wildkatze geht oder ob es sich um mehrere Individuen handelt. Ob Wildkatzen im Landkreis Cham tatsächlich wieder heimisch geworden sind, kann man erst sagen, wenn es uns gelingt, die Tiere über mehrere Jahre hinweg nachzuweisen.

Wildkatzen sind auf naturnahe und strukturreiche Wälder angewiesen. Unsere großen Waldgebiete an der tschechischen Grenze entlang könnten der Wildkatze einen guten Lebensraum bieten. Zum Überleben braucht die Wildkatze Totholz und Baumhöhlen als Verstecke zur Aufzucht ihrer Jungen. In Bayern setzt sich der BUND Naturschutz dafür ein, ein Mindestmaß an Staatswäldern auch konsequent zu schützen um dort eine Naturwaldentwicklung zu ermöglichen. In den beiden Naturwaldreservaten der Bayerischen Staatsforsten Roding Dürrenberg und Schwarzwihrberg finden die Wildkatzen gute Überlebensmöglichkeiten. Der BUND Naturschutz würde natürlich begrüßen, wenn in der Oberpfalz noch mehr solche „Urwälder“ entstehen würden. In ihnen hätten die Wildkatzen gute Kernlebensräume.  Förster der Bayerischen Staatsforsten bauen die staatlichen Wirschaftswälder, oft reine Fichtenwälder wieder in strukturreiche Mischwälder um, so entstehen auch auf diese Weise gute Lebensbedingungen für die Wildkatze. Lichtungen, Altbäume, Felsen, Höhlen und Bachläufe sind attraktive Jagdbereiche. Sie bieten der Wildkatze auch einen guten Schlafplatz und ausreichende Möglichkeit für die Jungenaufzucht.

Die Wildkatze steht mit ihren Lebensraumansprüchen als Stellvertreterin für viele sensible Waldbewohner. Wo die Wildkatze sich heimisch fühlt, ist Artenvielfalt. Tiere, wie der Luchs, Uhu, Baummarder, Fledermäuse, aber auch Amphibien und viele Vogelarten und Pflanzen profitieren von ihr.

Zu Beginn der 20. Jahrhunderts fast ausgerottet, gibt es heute schätzungsweise 5.000 bis 7.000 Exemplare in Deutschland. In Bayern wird es zwischen 100 und 200 Wildkatzen geben.

Wildkatzen ernähren sich gut zu 85% von Mäusen. Dies ergab die Analyse des Mageninhaltes bei tot aufgefundenen Wildkatzen. Ihr täglicher Bedarf sind 12 Mäuse. Der Bestand der Vögel, des Niederwilds oder andere kleine Tiere ist durch die Wildkatze nicht gefährdet. Die Jagd auf Vögel ist kaum nennenswert, sie kostet der Wildkatze viel zu viel Energie.           

Die größte Bedrohung der Wildkatze ist die Zerschneidung und Verarmung ihres Lebensraums durch strukturarme Monokulturen, Straßen und Siedlungen. Damit sie und viele andere gefährdete Tiere eine echte Überlebenschance haben, braucht es dringend ein Netzwerk an verbun­denen Wäldern. Jetzt gilt es, ihre bevorzugten Lebensräume – alte Wälder – zu schützen und die Gefährdung durch den Straßenverkehr zu minimieren. Die meisten der gefundenen toten Wildkatzen sind Verkehrsopfer.

Text: Karola Jackisch BUND Naturschutz
Foto: Quelle Wildtierkamera Sybille Wölfl

Presseartikel

Artikel in der Chamer Zeitung vom 8.4.2017

Die Spurensuche nach der Europäischen Wildkatze im Landkreis Cham

Wenn naturverbundene Bürger mit einer Sprühflasche, gefüllt mit Baldriantinktur, in den Wäldern im Landkreis Cham beobachtet werden, sind sie auf der Suche nach einem der seltensten bayerischen Waldbewohner – der Wildkatze. Auf der Suche nach Spuren der Wildkatze  gehen sie von Lockstock zu Lockstock und untersuchen mit der Lupe die Stöcke nach Wildkatzenhaaren. Bis man seinen Kontrollgang beendet hat, kann schon mal ein Nachmittag oder Vormittag vergehen.

Die Lockstockmethode: Katzen lieben Baldrian

Um an die Nachweise zu gelangen, setzt der BN eine elegante und effiziente Methode ein. Baldrian lockt die scheuen Katzen an. Raue Holzstäbe als "Lockstöcke" werden an geeigneten Stellen in den Waldboden gesteckt und mit Baldrian-Lösung besprüht. Reiben sich Wildkatzen daran, so bleiben einige Haare, eingeklemmt im Holz, zurück. Die abgesammelten Haare werden genetisch untersucht. Nur so können Wildkatzen von oft ähnlich gefärbten Hauskatzen sicher unterschieden werden. Diese Daten gehen dann zur weiteren wissenschaftlichen Auswertung und Detailanalyse an das Forschungsinstitut Senckenberg in Gelnhausen (Hessen), das dort zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz und dem BUND eine bundesweite genetische Datenbank zur Wildkatze aufgebaut hat.

Die Kreisgruppe Cham war  bereits beim Start des Projekts „Wildkatzensprung“ mit dabei. Start des Lockstock-Monitoring war der Winter 2012. Im ersten Winter hatten wir mal gerade 10 Stöcke gesetzt, umso erfreulicher ist es diesen Winter, dass der letzte gesetzte Stock die Nummer 76 trägt. Die vielen Stöcke werden nun von Ehrenamtlichen des BN betreut. Ebenfalls engagieren sich einige Kollegen der „Bergwacht Furth im Wald“, der LBV Cham und die Gebietsbetreuerin Naturpark Oberer Bayersicher Wald.

Stöcke stehen in dieser Saison in folgenden Waldregionen: 

- das ganze Waldgebiet an der tschechischen Grenze von Waldmünchen, Unterhütte, Gibacht, Voithenberg
  und Gleißenberg, Lixenried bis Furth im Wald  ist gut abgedeckt
- im Dieberg
- Im Hohen Bogen
- Im Haidstein
- Im Schwärzenberg
- Im Bereich zwischen Mittagsstein und Großer Riedelstein
- im Naturschutzgebiet am Kleinen Arbersee
- im Zwerchecker Wald.

Die Vorbereitungen für die diesjährige Saison 2016 im Landkreis Cham sind also nun abgeschlossen. Die Lockstöcke sind in den Wäldern gesetzt und werden nun 1 x wöchentlich nach Wildkatzenhaaren abgesucht. In den Winter- und Frühlingsmonaten Februar bis Mai sind die Ehrenamtlichen unterwegs, bepackt mit etlichen Utensilien wie,  Lupe, Pinzette, Haarprobenbeutelchen und Sprühflasche. Die eingesammelten Haarproben werden zwischengelagert und am Ende der Saison  ins Labor verschickt.

Die Wildkatze

Abstammung

Die Europäische Wildkatze ist eine von vier Wildkatzen-Unterarten, jedoch nicht die Stammform der Hauskatze. Unsere Hauskatze stammt von der afrikanischen Falbkatze (Felis silvestris lybica) ab.                                                                                        
Alter: Die Wildkatze wird  frei lebend etwa 10 Jahre alt                                   
Nachwuchs
: nach ca. 66 Tagen Tragezeit kommen 1-4 Junge zur Welt. Der Wurf liegt meistens im Frühjahr von April bis Juni.

Unterscheidung

Mit dem bloßen Auge ist die Wildkatze praktisch nicht von unserer wildfarbenen Hauskatze zu unterscheiden. Sie unterscheidet sich von unserer  getigerten Hauskatze vor allem äußerlich durch kräftigeren Körperbau und einen wuchtigeren, breiteren Schädel. Sie hat eine blassere Fellzeichnung, mit ockerfarbigem Ton. Ihr Fell ist dicht und weist einen schmalen schwarzen Rückenstreifen auf. Die Nase ist hell hautfarben. Sie erkennt man an dem buschigeren, stumpf endenden Schwanz mit charakteristischen deutlichen schwarzen Ringen in der hinteren Hälfte und einer schwarzen Schwanzspitze. Eine sichere Unterscheidung ist jedoch nur durch die genetische Analyse möglich.

Waldkatzen

Sie wird wegen ihrer Lebensweise auch Waldkatze genannt. Wildkatzen bevorzugen naturnahe Wälder mit vielen Fels-, Baum- und Wurzelhöhlen, Totholz und kleinen Lichtungen, wie sie entstehen, wenn der Mensch möglichst wenig eingreift. Die Wildkatze lebt zurückgezogen und versteckt vor allem in naturnahen Laub- und Mischwäldern. Meist schläft sie tagsüber und jagt nachts. Deshalb bekommt sie kaum jemand zu Gesicht. Zum Jagen streift sie im Wald und oft an den Waldrändern entlang. Kleine Lichtungen, im Wald verborgene Wiesen und ruhige, heckenreiche Säume am Waldrand sind ihre Lieblingsplätzte. Hier kann sie jagen, denn dort gibt es ihre  bevorzugte Jagdbeute: Mäuse! Gebüsch und Heckenriegel bieten Deckung und so wagt sie sich aus dem Wald heraus. Die Verstecke sind meistens am Boden in undurchdringlichem Dickicht. Die Kronen alter Bäume dienen ebenfalls als Versteck und werden gerne zum Sonnenbaden genutzt.

Einzelgänger

Sie meiden daher Gebiete mit intensiver forst- oder landwirtschaftlicher Nutzung und scheuen generell die Nähe zu Menschen. Wildkatzen sind sehr scheu und werden auch nicht zahm, wenn sie von Hand aufgezogen werden. Dies unterscheidet sie grundlegend von unserer Hauskatze. Diese einzelgängerische Lebensweise ist wohl gleichzeitig Schutz und auch der Grund, warum Wildkatzen nicht schon längst in der um ein vielfaches größeren Hauskatzenpopulation untergegangen sind.

Das BN-Wiederansiedlungsprojekt: eine Erfolgsgeschichte

um 1940: Wildkatze gilt in Bayern als ausgestorben
1984:
Projektbeginn, Unterstützung v.a. Bayerisches Landwirtschaftsministerium und Forstämter,   Aufbau der Zucht- bzw. Auswilderungsstation in Wiesenfelden (Lkr. Straubing-Bogen)
1988 - 2011:
zweites Auswilderungs- bzw. Zuchtgehege im Spessart (Rothenbuch, Lkr. Aschaffenburg)
1996:
 „Rettungsnetz Wildkatze“ entsteht und damit die Forderung nach einem länderübergreifenden Konzept- Schaffung von“ Grünen Korridoren“.
seit 2004:
„Rettungsnetz Wildkatze“ - in Bayern, Thüringen und Hessen kommen mit Baldrian besprühte Holzpflöcke zum Einsatz. . Damit gelingt mit den Haarfunden der sichere genetische Nachweis.
2007:
„Wildkatzenwegeplan“- ein länderübergreifendes Biotopverbundkonzept -  ist fertiggestellt. Für den ersten Wildkatzenkorridor in Thüringen pflanzten viele Ehrenamtliche 20 000 Bäume. Zwischen isolierten Wäldern wurden Korridore bepflanzt und die Ergebnisse der Wildkatzennachweise belegen, dass diese Waldverbindungen genutzt werden und die Wildkatze die angrenzenden Waldgebiete als neue Lebensräume erobert.
2009:
das Zucht- und Auswilderungsprojekt des BUND Naturschutz wird mit Erfolg abgeschlossen.
seit 2011
: Start des BUND-Biodiversitätsprojekt „Wildkatzensprung“ (10 Landesverbände)
2012-2014:
Projekt Wildkatzensprung - ehrenamtlichen Helfer mit über 1.100 Lockstöcken belegen neue Wildkatzenvorkommen im Steigerwald, im Nürnberger Reichswald und im Jurabogen bis nördlich der Donau. Es gibt erste Nachweise südlich der Donau im Raum Augsburg und ein Fund im Landkreis Unterallgäu.
2015
startete eine konzentrierte Lockstock-Aktion in Südbayern.  700 Mitarbeiter der BaySF, Jäger und Ehrenamtliche des BN waren auf Spurensuche. Ein eindeutig genetischer Nachweis belegt, dass im Bayerischen Nationalpark die Wildkatze zurückgekehrt ist.

Die Wiedereinbürgerung der Wildkatze geht auf die jahrzehnte lange Arbeit des BUND Naturschutzes zurück. Zusammen mit vielen Institutionen, Verbänden, Wissenschaftlern, Förstern und Ehrenamtlichen war dieser wunderbare Erfolg möglich.

(Karola Jackisch)

Quelle: BUND Naturschutz

Weitere Informationen zum BUND-Projekt "Wildkatzensprung" und zum Wildkatzenschutz in Bayern finden Sie unter:

www.bund.net/wildkatzensprung

 

 

Übersichtskarte der Lockstock-Standorte (Stand März 2016)